Borgward setzt auf Industrie 4.0-Vorgaben bei Fahrzeugfertigung

Mit dem Neustart von Borgward ist China zum neuen Mittelpunkt der Marke geworden. Das in der Nähe von Peking liegende Produktionswerken zählt zu den modernsten und wurde auf Grundlage von Industrie 4.0 konzipiert. Um für die Zukunft gerüstet zu sein, sind bereits neue Ausbauphasen geplant. Mit der hochmodernen Fertigung möchte man noch flexibler auf Marktsituationen reagieren können.

Eine Marke mit Geschichte

Borgward ist ein großer Name mit weit in die Vergangenheit zurückreichende Geschichte. Vielen wird der Name nichts sagen, denn die die Sternstunden des Bremer Automobilherstellers liegen weit zurück. Der Ingenieur Carl Friedrich Borgward wurde vor allem mit Pkw-Modellen wie Hansa und Isabella bekannt. Auch Nutzfahrzeuge und Busse wurden produziert. Trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs Deutschlands, kam es zum Konkurs der Borgward-Gruppe, die Ende der 1950er Jahren den fünften Platz unter den deutschen Automobilherstellern belegte.

Automobil-Produktion Made in China

Nun, über 50 Jahre später startet die Traditionsmarke neu durch und will ihren einstigen Pioniergeist wiederbeleben. Dass in Bremen, der einstigen Heimat von Borgward, wieder eine Produktionsstätte entsteht, konnte bislang nicht realisiert werden. Der ursprüngliche Plan war es, dass ab 2020 dort wieder Fahrzeuge mit dem Borgward-Label vom Band laufen. Laut Unternehmenssprechern habe man sich aufgrund der derzeitigen Spannung auf dem internationalen Automobilmarkt dazu entschlossen, China als einzigen Produktionsstandort zu belassen. Das Vorhaben liege vorerst auf Eis, ist aber keinesfalls verworfen worden.

Borgward selbst will Deutschland dennoch in Teilen treu bleiben und hat seinen neuen Hauptsitz nach Stuttgart verlegt. Gemeinsam mit dem Designzentrum agiert die Borgward Group nun aus dem Automobilen Zentrum Deutschlands. Die Fahrzeuge selbst kommen aus China. Das Produktionswerk, in das bisher 385 Millionen Euro investiert wurde, liegt nordöstlich von Peking in Miyun. Seit Produktionsstart im Mai 2016 wurden dort bereits 360.000 Fahrzeuge gefertigt. Rund 100.000 davon sind an chinesische Kunden gegangen.

Erst konventionell, später elektrisch

Entgegen vieler Spekulationen startet die Traditionsmarke nicht elektrisch, sondern mit einem ganz konventionellen Antrieb. Der Borgward BX7 ist ein allradangetriebener SUV mit einem 6-Gang Automatikgetriebe und einem Vierzylinder-Benzinmotor. Der Leichtmetall-Reihenmotor verfügt über eine Hochdruck-Direkteinspritzung mit Piezo-Injektoren, Turbolader und variabler Ventilsteuerung und leistet 165 kW (224 PS). Für die Eigenentwicklung holte sich Borgward Unterstützung von der Aachener Firma FEV. Der Verbrennerantrieb sei als Übergangslösung gedacht. Schon im kommenden Jahr möchte man Modelle mit dem versprochenen E-Antrieb anbieten.

Borgward auch in Deutschland

Diesen Sommer kommen nun auch erste Fahrzeuge des Modells BX7 auf den deutschen Markt. Auch diese stammen aus dem chinesischen Werk Miyum. Laut Borgward zählt es zu einem der modernsten Fahrzeug-Fertigungsstätten. Bemerkenswert ist der besonders hohe Automatisierungsgrad. Dieser liegt im Presswerk bei 95 und in der Karosseriefertigung bei 90 Prozent. Um diesen hohen Wert zu realisieren, wurden rund 300 Kuka-Roboter, Pressen von Schuler und Steuerungen von SAP eingesetzt.

Industrie 4.0 für eine nachhaltige Fertigung

Die Produktionsstätte mit 3.500 Mitarbeitern, die sich auf einer Fläche von 1,1 Millionen Quadratmetern erstreckt, ist nach modernsten Grundsätzen der Industrie 4.0 geplant, gebaut und in Betrieb genommen worden. Zu den Bereichen zählen Presswerk, Rohbau, Lackiererei, Fertig- und Endmontage, Entwicklung und Testing, IT und Logistik. Die gesamte Fertigung ist nach OHSAS 18001 (Arbeitssicherheit und -gesundheit) zertifiziert. Neben optimaler Ergonomievorgaben im Maschinen- und Anlagenpark, spielen Umweltvorgaben eine wichtige Rolle. So besitzt das Werk die Zertifizierungen ISO 14001 (Umweltschutz) und befindet sich im Zertifizierungsprozess ISO 50001 (Energie-Management) Darüber hinaus erfüllt die Lackiererei die Zertifizierungen nach Emissionsvorgaben der Stadt Peking, die weltweit zu den strengsten ihrer Art zählen.

Cloud-basierte Kommunikationsplattform für Kunden

Neben dem Aspekt der Nachhaltigkeit gehören auch schlankere Produktionsprozesse und den damit resultierenden Kostenvorteilen zu den Grundsätzen der Industrie 4.0. Mit 9Screen plant Borgward die Einführung einer Cloud-basierten Schnittstelle zwischen Entwicklung, Produktion, Marketing und Händlern. Der Kunde kann so die unterschiedlichen Prozesse – beginnend mit der Fahrzeugbestellung, über die Produktionsplanung, den Produktionsprozess bis hin zur Auslieferung – begleiten. Dank verschiedener Tools lassen sich so noch kurz vor Produktionsbeginn Ausstattungsdetails, wie der Lackierung oder der Innenausstattung ändern.

Über Daniel Przygoda (29 Artikel)
Wirtschaftsingenieur (B.Sc.) und seit 2015 Redakteur bei Automotive-Technology.de und Automobil-Blog.de. Seit 2017 als Projektingenieur bei Bertrandt Technikum u.a. für Daimler und Porsche im Einsatz. Von 2006-2017 für Prof. Dr. Ferdinand Dudenhöffer tätig - erst im CAR-Institut (Center Automotive Research) der Universität Duisburg-Essen, später bei D+S Automotive GmbH. Projektbeteiligungen u.a. am CAR-Symposium, CAR-connects, RUHRAUTOe, Automechanika Frankfurt, Ruhr-Symposium. Mitarbeit an verschiedenen Studien und Forschungsarbeiten in den Bereichen Automobilvertrieb und Elektromobilität. Von 2001 bis 2006 bei der Adam Opel AG am Produktionsstandort Bochum tätig. Während dieser Zeit Ausbildung zum Mechatroniker, danach Produktionsmitarbeiter in der Fahrzeugfertigung.