Future-Talk: Experten diskutierten Zukunftsvisionen

Unter dem Motto „Zukünfte brauchen Utopien“ diskutierten Daimler-Experten beim Future Talk in Berlin intensiv mit externen Fachleuten aus unterschiedlichen Bereichen über Zukunftsvisionen – darunter Philipp Hübl, Professor für Theoretische Philosophie an der Universität Stuttgart, Tobias Wallisser, Gründer des Laboratory of Visionary Architecture (LAVA) und Professor für Architektur und Innovative Bau- und Raumkonzepte in Stuttgart, sowie Martina Mara vom Ars Electronica Futurelab im österreichischen Linz.

Professor Dr. Herbert Kohler, Leiter Konzernforschung und Nachhaltigkeit sowie Umweltbevollmächtigter der Daimler AG betonte: „Als Teil unserer Innovationskultur wollen wir Impulse setzen für visionäres Denken. Der Future Talk bietet uns die Möglichkeit, auch außerhalb der eigenen vier Wände mit Avantgardisten ins Gespräch zu kommen und unsere Ideen zu diskutieren. Wir sind davon überzeugt, dass Innovationen nur dann zielführend sind, wenn sie einem klaren Zukunftsbild folgen. Deshalb ist es wichtig, gesellschaftliche Strömungen und Entwicklungen frühzeitig aufzunehmen und die für einen Automobilhersteller relevanten Aspekte herauszufiltern. Dazu gehören Themen wie etwa das veränderte Nutzungsverhalten der Kunden oder neue Chancen und Aufgabenstellungen durch die zunehmende Vernetzung des Fahrzeugs. Nur so lassen sich erfolgreiche Produkt- und Geschäftsideen entwickeln und entsprechend weiter gestalten.“

Es ist wieder Zeit für Utopien

Gemäß der Devise „Keine Zukunft ohne Vergangenheit“ eröffneten Alexander Mankowsky, Zukunftsforscher der Daimler AG, und Professor Philipp Hübl den Future Talk in Berlin mit Utopie-Entwürfen der Vergangenheit und diskutierten über die Notwendigkeit von Zukunftsvisionen für die gesellschaftliche Weiterentwicklung.
„ Wir spüren in der Gesellschaft ein Unbehagen über die aktuelle Ziellosigkeit“, so Alexander Mankowsky. „Es ist wieder Zeit für neue Utopien – und zwar wünschenswerte. Was in kreativen Köpfen entsteht und was sich die Gesellschaft vorstellt, versuchen wir immer in Einklang zu bringen. Dabei ist natürlich Mobilität unsere Kernkompetenz. Außerdem ist Authentizität immer entscheidend – es wird keine sinnhaften technischen Utopien geben ohne ein soziales und gesellschaftliches Umfeld, in denen sie realisiert werden können.“
Philipp Hübl ergänzte: „Die politischen und gesellschaftlichen Utopien der Vergangenheit sind weitgehend gescheitert, weil sie der Natur des Menschen widersprachen. Die technischen Utopien hingegen sind meist Wirklichkeit geworden. Wer voraussagen will, wie Menschen in der zukünftigen Technik-Gesellschaft leben, muss wissen, was den Menschen in seinem Wesen ausmacht, also unabhängig von zufälligen und erzwungenen Umständen oder Trends.“ Die Wissenschaft der Zukunftsforschung suche nach dem Konstanten in einer sich stets verändernden Welt. Aber gerade die sozialen und gesellschaftlichen Aspekte stellen dabei eine Herausforderung dar, weil sie aufgrund der schier unendlichen Parameter am komplexesten seien, so Hübl. Es gebe den Wunsch nach Authentizität, Echtheit und Einzigartigkeit sowie die Suche nach dem Idyll mit Pflanzen, Nahrung, Wasser und Licht als „heile Welt“ und Rückzugsort. Gleichzeitig gelte Beweglichkeit oder Mobilität heute als Metapher für das Leben, für Erleben, Reisen und Unabhängigkeit. Am Ende stellte Hübl die Frage in den Raum, ob wir mehrere Zukunftsvisionen gleichzeitig ertragen könnten oder wir uns vielleicht gar nicht für eine entscheiden wollen.
Von vergangenen Utopien in die mobile Zukunft brachte Holger Hutzenlaub, Leiter Mercedes-Benz Advanced Design Deutschland und smart Design, die Gäste des Future Talk mit den Ergebnissen eines internen Zukunftsworkshops. Die entwickelten Bildwelten zeigten Szenarien für eine mögliche Mobilität der Zukunft und Lösungsansätze zur Erweiterung des Nutzens von Automobilen. Von Giving back to the City über Double Purpose und Mobile Revolution bis zu Carchitecture befassten sich die vier Szenarien mit unterschiedlichen Ansätzen, die Zukunft zu gestalten.

Giving back to the City: folgt einem philanthropischen Ansatz

Die Idee von „Giving back to the City“ entstand vor dem Hintergrund der Wahrnehmung von Autos in der Öffentlichkeit, die zum Teil als „Bad Guys“ gesehen werden – beispielsweise bei der Parkplatzthematik. Die Aufgabe lautete daher: Wie lässt es sich erreichen, dass Autos positiver wahrgenommen werden? Welche zusätzlichen Funktionen müssten Autos erfüllen, damit sie neben der Fortbewegung einen Mehrwert für die Anwohner bieten? Dass Fahrzeuge immer intelligenter werden, steht außer Frage – sie stecken voller Technik und Sensorik. Ziel von „Giving back to the City“ ist es, mit diesen Technologien einem philanthropischen Ansatz folgend zusätzliche Vorteile für die Allgemeinheit zu stiften.
Future Talk Philantropischer Ansatz

Future Talk: ein philantropischer Ansatz

Dabei werden die Fahrzeuge zunehmend zu Datenknotenpunkten, die kontinuierlich große Datenmengen aus ihrer Umgebung aufnehmen, verarbeiten und selbst Informationen beisteuern. Autos werden sozusagen zu Robotern mit eigener Intelligenz und Handlungsfähigkeit. Das parkende Fahrzeug beispielsweise signalisiert Kindern, die die Straße überqueren wollen, ob die Fahrbahn frei ist oder weist solchen, die sich verlaufen haben, den Rückweg. Es kann Signale an die Verkehrsinfrastruktur senden, um beim Überqueren der Straße den Verkehr zu verlangsamen. „Virtuelle Zebrastreifen“ ermöglichen es, an jedem Ort sicher auf die andere Straßenseite zu gelangen.
Das moderne „Leben im Transit“ erfordert noch flexiblere Möglichkeiten zum Einkaufen. Fahrzeuge mit großen Seitendisplays zeigen Waren an, die vom Passanten wie in einer virtuellen Einkaufszone bestellt werden. Gleichzeitig dienen die Außendisplays als Litfaßsäule, die Informationen zum jeweiligen Ort anzeigen oder etwas über den Eigner des Fahrzeuges mitteilen. Zugang zur digitalen Welt und uneingeschränkte Kommunikation losgelöst vom Smartphone bestehen somit immer und überall.
Auch Martina Mara sieht Fahrzeuge in Zukunft als autonome selbstgesteuerte, soziale Agenten – ausgestattet mit vielerlei Sinnen für das, was in ihrer Umwelt passiert. Der „MoveBot“ agiere zukünftig immer mehr als intelligenter Informationsroboter, der auch in Eigenregie im Stadtleben der Zukunft aktiv sei. Darüber hinaus könne das autonome, soziale Auto von morgen in Verbindung mit anderen Service-Robotern in unserem Alltagsleben stehen. Eine Möglichkeit wäre ihrer Einschätzung nach eine komplette Verschmelzung: je nach momentaner Anforderung putze der Roboter daheim die transparenten Smart-Material-Fassaden oder diene als Transportmittel.
„Die Distanz zwischen Mensch und Technik verringert sich und robotische Systeme treten zunehmend als soziale Partner auf. Ein Zusammenleben mit handlungsautonomen Maschinen-Wesen kann dem Menschen von morgen vieles erleichtern“, kommentiert Martina Mara und ergänzt: „Ein solches Zukunftsbild ruft mitunter aber auch Unsicherheit, vielleicht sogar Unheimlichkeit, hervor. Um autonome Technologien als freundliche Spezies akzeptieren zu können, sollten wir bei ihrem Design daher unsere ureigenen Bedürfnisse nach Kontrolle und persönlicher Freiheit im Kopf haben.“
Bei einer Mensch-Roboter-Koexistenz gebe es aus sozialpsychologischer Sicht durchaus den Aspekt des Kontrollverlustes zu beachten; etwas, das wir Menschen in der Regel nicht so gerne haben. Werden wir mit intelligenten, autonomen, sich kreuz und quer rund um uns bewegenden Roboter-Fahrzeugen zu Recht kommen? Können wir ihnen vertrauen? Wissen sie mehr als wir? Ein autonomes System, das für sich selbst entscheidet, dessen nächste Schritte wir als Menschen nicht vorhersehen können, könne auch Angst verbreiten. Hinweise zu den Möglichkeitsspektren und Informationen zu geplanten Entscheidungen des „MoveBot“ können Unsicherheiten reduzieren oder sogar vermeiden.

Double Purpose: das eigene Auto wird öffentlich

Autos werden heute entweder privat oder öffentlich genutzt. Das Auto als Schutzraum, wo man die Musik so laut hören kann wie man möchte, wo man ungeniert weinen, lachen und fluchen kann. Das Auto – eine überdimensionale Handtasche mit wichtigen und unwichtigen Dingen, die den Besitzer auf seinem Weg begleiten. Der Leihwagen dagegen ist anonym; er wird nach jeder Fahrt gereinigt, alles Persönliche wird entfernt.
Hinter „Double Purpose“ verbirgt sich die Vision einer „All-in-one“-Lösung. Konzeptioneller Ansatz dabei ist es, die verschiedenen Nutzungsmöglichkeiten von Fahrzeugen ohne Kompromisse miteinander zu verbinden: Mit dem eigenen Stadtflitzer zur Arbeit fahren, das Auto dann als autonom fahrendes Taxi oder Carsharing-Fahrzeug zur Verfügung stellen und dadurch Geld verdienen. Das Interieur soll dabei flexibel gestaltet sein, damit das Fahrzeug in der öffentlichen Funktion nutzbar ist, ohne Privatraum einzubüßen. Nach dem Einsatz als öffentliches Fortbewegungsmittel soll sich das Fahrzeug durch den Besitzer ganz einfach wieder zum gewohnten Privatfahrzeug umbauen lassen.
Future Talk Double Purpose

Future Talk: Double Purpose

„Jede Gesellschaft formt die Umgebung nach ihren Bedürfnissen“, ergänzt Prof. Tobias Wallisser. „Dabei spielt Privatheit eine entscheidende Rolle. Privater Raum ist Luxus und impliziert den Wunsch nach Geborgenheit. Gleichzeitig sind wir auf der Suche nach Zusammengehörigkeit und öffentlicher Nähe. Das ist paradox, aber menschlich und wie Tucholsky in seinem Gedicht „Das Ideal“ von 1927 schon sagte Ja, das möchste: Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse, vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße; mit schöner Aussicht, ländlich-mondän, vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn – aber abends zum Kino hast du’s nicht weit.“
Menschen sehnen sich einerseits nach einem privaten, von ihnen selbst kontrollierbaren Rückzugsbereich, einem Ort, der die Privatsphäre räumlich fasse, fügt Wallisser hinzu. So sehe auch der Trend des „Cocooning“ das Heim als Festung, als Bastion des Individuums, als Ort der Ruhe außerhalb des hektischen Alltags. Gleichzeitig versorgen digitale Medien diesen Ort konstant mit einem Strom von Nachrichten aus der Außenwelt, so dass die Frage, ob diese Räume wirklich privat seien, zu Recht gestellt werden müsse.

Mobile Revolution: die Stadt wandelt sich

Städte werden zukünftig nicht mehr nach Funktionen wie Wohnen, Arbeiten, Einkaufen und Vergnügungen eingeteilt. Diese funktionale Einteilung ist unflexibel, denn sie zwingt die Stadtbewohner dazu, lange Distanzen zu überwinden. Die dazu nötige Infrastruktur macht es schwierig, Räume zu finden, in denen sich eine Lebensqualität der Nähe entwickeln kann.
Der Ansatz „Mobile Revolution“ geht daher von einer Stadt aus, die nicht nach Funktionen ausgerichtet ist, sondern nach Mobilitätsbedürfnissen. Die Stadt wird in Ringe eingeteilt, in denen verschiedene Geschwindigkeiten vorherrschen. In den inneren langsamen Ringen sind Geschäfte, die fußläufig erreichbar sind; die äußeren großen Ringe sind schneller und verbinden die kleinen Zentren, so dass großstädtische Einrichtungen erreichbar bleiben. Durch neuartige Transportsysteme wird der Gütertransport von der Straße in den Untergrund verlegt und die Menschen bewegen sich mehr an der Oberfläche, an Licht und Luft.
Die Stadt wandelt sich und somit die Verkehrsmittel – für die langen Wege der großen städtischen Loops bietet das Fahrzeug Platz – die „Mobility Lounge“ als Büro, Kuschelecke zum Ausruhen oder Verkaufsraum. In den inneren Ringen bieten extrem kompakte Einsitzer dem Passagier Schutz und Privatsphäre im Gedränge und helfen, wenn der Fußweg zu beschwerlich ist oder der Einkauf nicht getragen werden kann. Die „ Mobile Revolution“ führt so zu einem System verschiedener mobiler Geräte, die Effizienz mit individueller, urbaner Lebensqualität verbindet.

Carchitecture: verbindet Fahrzeuge und Gebäude

Gebäude und Fahrzeuge haben starke Gemeinsamkeiten: Von der Erstellung über die Nutzung bis zum Recycling sind sie auf Energie und Ressourcen angewiesen. Beim Haus ist es die Energie für Klimatisierung, Beleuchtung und technische Infrastruktur wie Aufzüge oder Rolltreppen. Ressourcen werden nicht nur für die tragende Struktur, sondern auch für die Haustechnik wie Heizung, Kühlung und Lüftung eingesetzt. Diese Funktionen existieren zurzeit doppelt: Eigenheim und Fahrzeug besitzen Heizanlagen. Dabei haben Elektroautos Energiespeicher, die dem Eigenheim wiederum fehlen. Das Fahrzeug dagegen hat wenig Fläche zur Energieerzeugung.
Future Talk Carchitecture

Future Talk: Carchitecture

An dieser Stelle setzt „Carchitecture“ an. Die Weiterentwicklung des Fahrzeugdesigns in eine allgemein erkennbare Formensprache könnte sich in der Kombination von mobil und immobil als ein lohnenswerter Zukunftspfad erweisen. Energie ist die Brücke zwischen Haus und Auto: Der Energiefluss wird durch die Elektrifizierung der Fahrzeuge und die Intelligenz der zukünftigen Energiehäuser ermöglicht. Die Verbindung zwischen Haus und Auto hat dabei symbiotischen Charakter: Das Auto als rollender Energiespeicher und das Haus als Lieferant sowie Empfänger von Energie. So könnte in Zukunft ein Elektrofahrzeug die eingebaute Heizung für ein ganzes Haus ersetzen.
[Bilder: Daimler]
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