Umfrage zum Auto 2.0 zeigt: Skepsis steigt mit Informationsgrad

Noch vor wenigen Jahre als Science Fiction abgestempelt, dürften sich bereits in naher Zukunft miteinander vernetzte Autos gegenseitig vor Gefahren warnen oder Sensoren im Fahrzeug automatisch Rettungsdienste per Mobilfunk alarmieren. Keine Frage, viele Technologien, die künftig oder zum Teil bereits jetzt, Einzug in das Automobil halten, können schon einmal skeptisch werden lassen. Professor Horst Müller-Peters von der FH Köln ist der Frage, was gewöhnliche Autofahrer vom Auto 2.0 halten, in einer großen Umfrage nachgegangen. Ergebnis: Je höher der Informationsgrad, desto größer die Skepsis.

Stellvertretend für alle motorisierten Verkehrsteilnehmer zwischen Füssen und Flensburg befragte Professor Müller-Peters eine repräsentative Stichprobe von 1021 Autohaltern. Er wollte wissen
• ob sie das Notrufsystems eCall kennen,
• wenn ja, wie sie es bewerten, welche Argumente dafür und welche dagegen sprechen,
• wie ihr Verhältnis zum Autohersteller beziehungsweise zu Autowerkstätten ist, und wie sie eine Vernetzung mit ihnen beurteilen,
• welche weiteren Einsatzwecke sie wünschen, und welchen Formen des Datenaustauschs sie eher ablehnend gegenüber stehen,
• wie sie insgesamt das Thema Datenschutz beurteilen und wie konsequent sie ihre Einstellungen
auch im tatsächlichen Verhalten umsetzen,
• welche wesentlichen Unterschiede dabei in der Gesellschaft festzustellen sind – zum Beispiel nach Altersgruppen, Bildung, Fahrzeugklassen oder politischer Orientierung.

Horst Müller-Peters

Horst Müller-Peters von der FH Köln

Erstaunlich: Von eCall, dem automatischen Notrufsystem, das die EU-Kommission schon ab dem kommenden Jahr für alle Neufahrzeuge verbindlich vorschreiben will, haben 60 Prozent aller Befragten keine Ahnung, wobei die Herren zu 50 Prozent, die Autofahrerinnen gar zu 70 Prozent bei diesem Begriff nur „Bahnhof“ verstehen. Nachdem die Interviewer aber kurz erläutern, worum es geht, beurteilt eine überwältigende Mehrheit von 96 Prozent den Brüsseler Plan und die Idee, die dahinter steht, grundsätzlich positiv. Die möglichst schnelle Hilfe, Rettung ohne Zeitverlust und lebensrettender Einsatz selbst dann, wenn die Insassen nicht mehr in der Lage sind, zu agieren, heben die Autofahrer bei ihrer Bewertung besonders hervor. Dagegen gibt ein verschwindend kleiner Rest von vier Prozent zu bedenken, dass eCall den Datenschutz verletzen könnte und bezweifelt die perfekte Funktionstüchtigkeit des Systems. Fehlalarme seien schließlich nie auszuschließen.

Unter dem Strich jedoch wünscht sich die große Mehrheit eCall für den eigenen Wagen und auch verpflichtend für alle Neuwagen, egal ob dadurch höhere Kosten beim Autokauf entstehen könnten oder nicht. Sicherheit geht offenbar vor Datenschutz, es kommt eben stets darauf an, welche Daten erfasst und weitergeleitet werden.

Deutlich zurückhaltender zeigen sich nämlich die Autofahrer, wenn es um Einsatzzwecke jenseits von Unfällen geht. Die automatische Übermittlung von Informationen erreicht hier durchgehend nur geringe Akzeptanzwerte. Der Frage „Meine Fahrzeug-Nutzungs-Daten gehören mir, ich will selbst bestimmen, wem sie zugänglich werden“ stimmen 54 Prozent „voll und ganz“ zu. Weitere 21 Prozent nennen „stimme eher zu“. Die Möglichkeit, selbst die Übermittlung von Daten durch Voreinstellung der Geräte oder fallweise zu beeinflussen, erhöht die Zustimmung zwar deutlich, dennoch finden sich außerhalb des Unfallszenarios keine Anlässe, in denen die Mehrheit der Befragten eine Datenweitergabe befürwortet.

Ganz besonders gilt diese Zurückhaltung für den Austausch von Daten mit Werkstätten und Autoherstellern. Vor allem eine automatische Datenübermittlung lehnen die meisten Autofahrer ab. Nur wenn sie selbst bestimmen können, wann Daten übermittelt werden – beispielsweise zum Betriebszustand ihres Wagens – sinkt die Skepsis. Auf jeden Fall wollen sie die Werkstatt selbst auswählen und nicht vom Hersteller ihres Fahrzeugs automatisch zur nächsten Vertragswerkstatt gelotst werden. An dieser Meinung ändert auch der Einwand nichts, dass es im Interesse der Allgemeinheit wichtig sei, Fahrzeugdaten für die Verkehrssicherheit und zur Verkehrssteuerung zu erfassen.

Insgesamt wird in Professor Müller-Peters Umfrage deutlich: Wenn es nicht unmittelbar um die Sicherheit geht, sind ausgesprochen überzeugende Argumente erforderlich, um die Mehrheit der Autofahrer für weitere Anwendungen zu gewinnen. Wahlfreiheit ist ein wichtiger Parameter zur Erhöhung der Akzeptanz, ebenso ein überzeugender Datenschutz, da der Schutz der Privatsphäre den meisten Autofahrern wichtig ist.

Allerdings schränkt der Wissenschaftler ein: „Es gibt ein Auseinanderklaffen zwischen generellen datenschutzbezogenen Einstellungen und dem tatsächlichem Umgang mit datensensiblen Diensten.“ Viele Menschen neigen halt im Alltag dazu, das Bedürfnis nach Datenschutz getreu dem Motto außer Acht zu lassen: „Ich habe doch nichts zu verbrochen und daher auch nichts zu verbergen.“

[Quelle: Auto-Medienportal, Foto: Fachhochschule Köln]

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